Erfahrungsberichte
Studium - Ein Weg
Quelle: Thilo Schmitt
Nun ist es so, dass ich gerade einmal seit dem vergangen Wintersemester immatrikuliert bin und das eine nicht so arg lange Zeit ist um wirklich einen effektiven und umfassenden Überblick über das Studentendasein zu bekommen. Das meiste und nötigste wird man aber als "Ersti" (Erstsemester-Student) schon mitbekommen haben.
Allerdings möchte ich nicht gerade behaupten ein normales (sofern es das überhaupt gibt) Integrations-"Kind" zu sein. Ähnlich Betroffene, mögen sagen ich würde etwas verleugnen wollen, dazu stehe ich etwas anders. Hilfsmittel verstehe ich als ein "Kann" und nicht als ein "Muss". Viel zu oft wird und wurde mir vorgelebt alles an Hilfsmittel haben zu müssen, damit man alles hat, was man bekommen kann, und alles an Möglichkeiten ausschöpfen zu müssen, damit ausgenutzt ist, was man ausnutzen kann. Ich fahre da auf einer ganz anderen Schiene. Ich betrachte die Sehbehinderung eher als eine Art Herausforderung. Warum Hilfsmittel und Gesetze ausnutzen, wenn es auch ohne geht? Vielleicht geht es nicht "perfekt", aber es geht oft mindestens "gut".
Zunächst einmal sollte die Ausrüstung eines zu integrierenden Sehbehinderten ein Monokular sein. Zum anderen für den Fall der Fälle eine Lupe. Das Monokular benutze ich ständig, die Lupe allerdings wird nur immer mal wieder abgestaubt. Zur Begründung der Auswahl jener Hilfsmittel: Das Monokular ist wohl Pflicht beim Abschreiben von der Tafel. Das wird wohl jedem Student irgendwann mal passieren, dass er das tun muss. Falls dem nicht so ist, würde ich mich schwer wundern. Die Lupe braucht man um im Zweifelsfall klein gedruckte Dinge lesen zu können. Das sind zum Beispiel Indizes in Mathematik oder heimtückisch kleine Punkte in Schaltskizzen in elektronischen Schaltungen. Es gibt natürlich andere Beispiele, aber das ist natürlich vom Studiengang abhängig. Wie gesagt: Ich habe die Lupe lang nicht gebraucht und sehe im Moment auch nichts auf mich zu kommen, bei dem ich sie benötigen würde.
Meine Erfahrungen an der Uni zeigen ziemlich klar, dass es zwei Arten von Veranstaltungen gibt. Zumindest, wenn man einmal nur die Vorlesungen betrachtet. Tutorien, Seminare und der vielen mehr möchte ich außen vor lassen, da das von Uni zu Uni und sogar von Fakultät zu Fakultät verschieden gehandhabt sein kann und wird. Die zwei verschiedenen Arten ergeben sich folgendermaßen: Zum einen sind das Vorlesungen, zu denen Skripts schon im Voraus erhältlich sind (dazu gehören auch solche, in denen das Skriptum sukzessiv weiterentwickelt bzw. erst erstellt wird), zum anderen sind das Vorlesungen, zu denen es diese Skripts entweder gar nicht gibt oder erst nach Veranstaltungsende (was hier Ende des Semesters bzw. Ende des Vorlesungsturnus bedeuten soll).
Im ersten Fall entstehen überhaupt keine Probleme. Das, was der Dozent an die Tafel schreibt, wird im allgemeinen auch im Skript zu finden sein. Bei solchen Veranstaltungen setzt der Dozent im Wesentlichen auf das Skript auf und bringt im Zweifelsfall nur zusätzliche Beispiele, die zwar hilfreich sein können, für das Verständnis ansich aber nicht unbedingt notwendig sind. Hier ist also kein Abschreiben von der Tafel im großen Stil mehr fällig, ergo eine Belastung weniger.
Kleine Anmerkung an dieser Stelle: Etwas nicht abschreiben zu müssen, muss nicht unbedingt positiv sein. Denn Schreiben bzw. vielmehr das Übertragen von Inhalten in schriftlicher Weise ist eine oft hilfreiche Art zu lernen, spätestens wenn es um Vorgehensweisen und Verfahren geht. Dabei wird allerdings dieses Ziel, es wenigstens einmal geschrieben zu haben und es dadurch zu üben, in Vorlesungen meiner Meinung nach im Allgemeinen nie erreicht werden. Es ist schließlich eine Hochschule, in der nicht mehr das allseits bekannte "Schema F" geübt wird, wie in der Schule. Lernt man in der Schule addieren, so übt man dort zwei Stunden lang dieses Verfahren mit verschiedensten Zahlenpaaren: 5+8, 1+5, 7+1, 4+2 und so weiter. An der Hochschule wird einem das System der Addition nahe gebracht, vielleicht zwei Beispiele, und damit ist es getan. Die Nachvollziehbarkeit und das Nachbereiten liegt bei einem selbst und geschieht somit ohnehin nicht im Hörsaal.
Zurück nun zum zweiten Fall. Es existiert also kein Skript. Nun, dann ist die Frage, wie die Veranstaltung gehalten wird. Wird der Inhalt ausschließlich mündlich vorgebracht, haben alle Studenten das gleiche Problem. Sie müssen zuhören, das inhaltlich für sie Wichtige auswählen und Notizen dazu machen. Dabei entsteht für Sehbehinderte meines Erachtens kein Nachteil. Werden Folien mittels Overhead-Projektor oder Beamer gezeigt, so werden diese im Regelfall auch zu haben sein. Aber die Vortragsweise mittels Folien ist nur eine Variante des mündlichen Vortrags. Hier gibt der Dozent sogar handfeste Stichpunkte, die er für wichtig hält. Ein Überfliegen der Folie und anschließendes Zuhören und Mitschreiben sollte kein größeres Problem darstellen.
Schreibt der Dozent allerdings Unmengen an die Tafel und es wird selbst für einen Gut-Sehenden schwierig oder zumindest stressreich mitzuhalten, wird es für einen Sehbehinderten natürlich nicht minder schwer sein. Hier wäre denkbar den Dozent einmal anzusprechen und mit diesem gemeinsam eine Lösung zu suchen. Vielleicht gibt es ja ein inoffizielles Skript, das einem zur Verfügung gestellt wird, vielleicht bekommt man das Skript, das es zum Semesterende erst gibt schon während der Vorlesung. Es gibt viele Möglichkeiten ein solches Problem zu lösen und es gibt (aus meiner Einschätzung) ebensoviele zugängliche Dozenten. Es mag sein, dass es auch Dozenten gibt, die auf diesem Ohr taub sind. In diesem Falle sollte man sich einmal umhören, ob es ähnliche Skripte dieser Vorlesungsreihe gibt, etc. Nicht zu letzt gibt es auch wohlgesinnte Kommilitonen, die einem da sicher weiterhelfen können, z.B. in dem sie ihre Aufschriebe zur Ergänzung des eigenen zur Verfügung stellen.
Ein Wort noch zu den Dozenten: Diese sind auch nur Menschen, wie jeder von uns und man sollte keine Scheu haben, diese anzusprechen. Respekt vor dem Menschen und dem Wissen, das er besitzt und weitergibt, ist angebracht und wichtig, sollte aber nie dazu führen, solche Personen als unerreichbar zu deklarieren. Gleiches gilt für Kommilitonen. Diese sind in 99 Prozent der Fälle sehr freundlich und hilfsbereit, stets nach dem Motto: "Wir sitzen alle in einem Boot. Und: Wer braucht hier auch keine Hilfe?" Wenn es nur ums Abschreiben geht, wird kaum einer meckern. Vielleicht versteht es der Abschreibende sogar und kann es erklären und somit dem anderen weiterhelfen. Im Allgemeinen lässt sich wohl sagen: Das Studium an einr Hochschule ist wie Schule, nur anspruchsvoller (gerade weil eben nicht nicht enden wollende Beispiel-Reihen geliefert werden), sehr viel tiefgehender, trotzdem kompakter, temporeicher und die "Klassen" umfassen eben nicht 20 Personen, sondern eben 200. Mit ein wenig Motivation und Bereitschaft auch mal Unangenehmeres zu tun (z.B. jemand um Hilfe zu fragen, sich in eine der vorderen Reihen zu setzen), sollte das alles kein Problem sein. Die Hochschule möchte ihren Studenten Wissen vermitteln, nicht ihnen beibringen, wie sie sich möglichst durch das Studium schleifen können. Kann ein Student dem aus ihm nicht zu vertretenden Gründen (Faulheit) zählt also recht wenig) nicht nachkommen, so kann man sicher eine Lösung finden, was im Regelfall im Dialog mit dem Dozenten passieren wird.
