Erfahrungsberichte
Sehbehinderung und Sport
Quelle: Elisabeth Krych
Häufig wird die Frage gestellt, was für Sportarten kann ich mit einer Sehbehinderung machen? Pauschal kann man diese Frage nicht beantworten. Es kommt auf die Art der Sehbehinderung an und mit Sicherheit auch auf das Alter des Betroffenen, sowie ob es sich um eine angeborene Sehbehinderung oder eine erworbene Sehbehinderung handelt. Ich habe für Sie unsere Erfahrungen festgehalten und möchte sie gerne an alle Eltern von sehbehinderten Kinder und Betroffenen weitergeben.
Jan-Philipp ist 12 Jahre alt, hat einen okulären Albinismus mit einen Visus von 10%. Angefangen aktiv Sport zu betreiben hat, Jan-Philipp im Alter von 5 Jahren. Sein Wunsch war es, zu all unserem Erschrecken, in einen Fußballverein zu gehen. Bis dahin hatte er eigentlich nie Interesse an Ballspielen gezeigt, aber im Kindergarten gingen schon viele Jungen in den Fußballverein und in der Nachbarschaft ebenso. Eigentlich waren es sogar die Nachbarskinder, die ihn dazu bewogen hatten. Die Kinder waren schon älter und hatten ihre Lieblingsfußballmannschaften. Da wollte Jan-Philipp mitreden können. Fortan wusste er in der Bundesliga Bescheid und er wurde Fan vom FC Schalke 04. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch brachte ich Jan-Philipp zum Fußballtraining. Ich habe dem Trainer kurz erklärt, dass Jan-Philipp nicht so gut sehen kann und er meinte nur, dass er darauf achten würde. Eigentlich wusste ich sofort, dass Jan-Philipp sich da nicht wohl fühlen würde, aber es war ja sein Wunsch. Ganze drei Mal war er beim Training, erzählt hat er in der Zeit allerdings nicht viel, nur nach dem 3.Training sagte er mir, er wolle da nicht mehr hin. Im nachhinein erzählte er dann, das der Trainer immer so schreien würde und auch die anderen Kinder so blöde Sachen sagen würden. Das war das Thema Fußball.
Zur gleichen Zeit suchte der Handballverein Nachwuchs. Es wurden Schnuppertrainingsstunden angeboten. Das Ziel des Training war in erster Linie, Kinder zum "Sich - Bewegen" zu motivieren. Das Training wurde sehr spielerisch angeleitet und hatte sehr wenig mit Handballspielen zu tun. Es wurden sehr viele Spiele für die Motorik und das Gleichgewicht angeboten. Da Jan-Philipp immer erhebliche Defizite in der Motorik hatte und ich einen Vereinssport für ein Einzelkind sehr sinnvoll fand, habe ich Jan-Philipp gefragt, ob er sich das Training einmal ansehen möchte. Gesagt, getan, Jan-Philipp hatte super Glück mit seinem Trainer. Wir kannten ihn als Vater aus dem Kindergarten. Der Umgangston in der Halle war bedeutend anders, als auf dem Fußballplatz und es gab Vorteile wie: im Sommer keine Sonne die blendet, im Winter kein Regen usw. So begann Jan-Philipp seine Handballzeit sehr spielerisch. Jan-Philipp spielt nun schon seit 7 Jahren erfolgreich Handball. Im Sommer wird er zur C-Jugend wechseln. Wir wissen allerdings nicht, ob er in der Klasse weiterhin erfolgreich Handball spielen wird. Handball ist ein sehr schneller Ballsport. Jan-Philipp weiß allerdings selber, dass irgendwann der Punkt kommen wird, wo er dem Ball nicht mehr folgen kann. Und bevor er seiner Mannschaft kein guter Spieler mehr sein wird möchte er rechtzeitig aufhören, Handball zu spielen. Es wird für ihn eine schmerzliche Erfahrung werden. Allerdings haben Trainer und Betreuer Jan-Philipp schon gefragt, ob er nicht Lust hätte die Minis zu betreuen... Ich denke, so wird er den Kontakt zum Handball nicht ganz verlieren.
Eine ganz wichtige Erfahrung ist, dass man auch ohne räumliches Sehen sehr gut Ballspiele machen kann, denn das räumliche Sehen kann man erlernen oder antrainieren. Jan-Philipp hat gelernt, die Geschwindigkeit des Balles abzuschätzen und ebenso die Entfernung seiner Mitspieler.
Ich versuche zu erklären warum das so ist:
Die Sehnerven beider Augen haben bei Albinismus einen veränderten Verlauf durch das Gehirn. Dies ist der Grund dafür, dass sich häufig ein Schielen und ein fehlendes räumliches Sehvermögen findet. Der Vorteil bei Albinismus gegenüber vielen anderen Sehbehinderungen ist, dass es sich um eine Sehbehinderung handelt, die mit einer Verminderung der zentralen Sehschärfe einhergeht. Das Gesichtsfeld und das Farbensehen ist normal. Auch das Formen- und Bewegungssehen ist regelrecht.
Des weiteren macht Jan-Philipp seit 2 1/2 Jahren Ju-Jutsu, wobei er da überhaupt keine Probleme bezüglich seiner Sehbehinderung hat. Dieser Sport hat Jan-Philipp sehr viel Selbstbewusstsein gegeben.
Leichtathletik ist ebenso eine große Leidenschaft von Jan-Philipp. Seit 3 Jahren macht er fortlaufend sein Sportabzeichen und auch dabei gibt es keinerlei Probleme. Beim Laufen nimmt er, wegen der Orientierung, immer eine Außenbahn und beim Absprung wurde bisher die Absprungmarke farblich gekennzeichnet, das macht es ihm natürlich einfacher.
Hobbymäßig spielt Jan-Philipp Tischtennis, was ihm allerdings nicht so leicht fällt. Es ist eher ein zuspielen, als ein gegeneinander spielen.
Das Fußballspielen hat Jan-Philipp nicht ganz aufgegeben. Er ist allerdings nicht im Verein, sondern er spielt mit seinen Freunden bei Gelegenheit und das klappt auch sehr gut.
Seit dem Sommer letzten Jahres spielt Jan-Philipp Badminton. Er hat es gesehen und wollt es ausprobieren. Das war allerdings sehr anstrengend. Mit sehr viel Geduld und Ausdauer hat er auch das hinbekommen. Der Vorteil beim Badminton im Gegensatz zum Federball ist, dass man Badminton in der Halle spielt. Da der Federball eigentlich immer von oben kommt, muß man halt immer nach oben schauen und wenn es nicht gerade regnet, blendet es. Auch das Badmintonspiel reicht nicht für Wettkämpfe aus, als Freizeitbeschäftigung ist es aber ausreichend.
Das Fahrrad fahren interessiert Jan-Philipp überhaupt nicht. Er hat sehr spät gelernt, Fahrrad zu fahren. Alle Kinder im Kindergarten fuhren schon ohne Stützräder und dadurch fühlte er sich unter Druck gesetzt und hatte kein Interesse gezeigt, dass Radfahren zu lernen. Irgendwann in der 1.Klasse klappte es dann. Zur Kommunion war sein Wunsch, wie bei allen K indern in diesem Alter, ein Fahrrad. Das Fahrrad haben wir kürzlich, neuwertig, verkauft. Die einzigen Strecken, die Jan-Philipp damit gefahren ist waren gemeinsame Familienausflüge. Mit Freunden ist er nie gefahren. Ganz schnell hat er selber bemerkt, dass er bei seinen Freunden nicht mithalten kann. Ich denke, bei Jungen ist das etwas anderes als bei Mädchen. Jungen sind in der Regel wilder, müssen sich beim Fahrrad fahren mehr behaupten, machen Kunststücke usw.. Für Jan-Philipp ist schon das einfache Mitfahren sehr anstrengend und da kann er nicht noch irgendwelche Kunststücke auf dem Rad veranstalten. Meistens, wenn die Freunde Fahrrad fahren, kommt Jan-Philipp rein und sagt, er hätte keine Lust, Fahrrad zu fahren. Ich hoffe und wünsche Jan-Philipp, dass durch das Älterwerden der Freunde auch das Rad- fahren für ihn möglich wird oder das er vielleicht mit einem Freund Tandem fahren mag.
Eine weitere große Leidenschaft von Jan-Philipp ist das Skateboard fahren. Bei jeder Gelegenheit steht er auf diesem, für mich wackeligen, Brett. Dabei mag ich gar nicht hinschauen, denn ich persönlich empfinde es als sehr gefährlich. Die kleinste Unebenheit auf der Straße kann für einen Sturz sorgen. Da hatte Jan-Philipp bisher wohl immer seinen Schutzengel dabei. Was mich auch immer wieder wundert ist, dass er sich auch auf Skaterbahnen wohl fühlt und waghalsige Sprünge wagt. Ich denke, eine wichtige Rolle spielt dabei, dass Jan-Philipp keine Angst hat und sich sehr viel zutraut.
Beim Schulsport ist Jan-Philipp der Klassenbeste, er schafft beim Hochsprung 1,90 m, was ich mir nicht vorstellen kann, zumal er mit seinen 1,52 Meter einer der Kleinsten in seiner Klasse ist. Es gibt Jungen in seiner Klasse, die sind 2 Köpfe größer als er.
Segeln war Jan-Philipp im letzten Jahr zum ersten Mal, was daraus wird kann ich nicht sagen. Wenn er selber später mal einen Segelschein machen möchte wird das wohl nicht gehen. An dieser Stelle möchte ich alle Eltern ermuntern: wenn ihr Kind Interesse an einer Sportart zeigt, lassen Sie es gewähren und sagen Sie nicht das kannst Du nicht. Ich hätte nie gedacht, dass Jan-Philipp mit seiner Sehbehinderung solange aktiv Handball spielen wird. Gerade wenn es mal in der Schule nicht so läuft, ist es für Jan-Philipp eine wichtige Motivation zu wissen, was er im Sport alles leisten kann.
Artikel / Foto aus den Ruhr Nachrichten vom Dezember 2003
Jan-Philipp Krych war mit seinen acht Toren maßgeblich am Sieg der Borker D-Jugend beteiligt.
PSV-Jugend behauptet die Spitze D-Jugend, 2. KK Hellweg PSV Bork - HC Heeren 21:15 PSV-Bork: Sebastian Reeb, Jan Dreier (2), David Mross (4), Jan-Philipp Krych (8), Uwe Sander, Jens Kablitz, David Leidecker (3), Marc Spatzier (3), Marc-Andre Lehrke (1)
Im Nachholspiel behaupteten sich die PSVer gegen einen Verfolger und verteidigten die Tabellenführung. Nach mehrfachen Rückstand in der ersten Halbzeit setzten sich die Borker über 14:9 und 17:13 zum Sieg ab.
Weitereführende Informationen
Sport und Sehschädigung - PDF-Datei
Anhaltspunkte für die sportliche Belastbarkeit Sehgeschädigter
Quelle: Blinden- und Sehbehindertenschule Hamburg




