Erfahrungsberichte
Miteinander leben - miteinander spielen
Quelle: Die neue Lupe
Evangelischer Kindergarten St. Trinitatis arbeitet seit 9 Jahren integrativ.
"Warum hat das Mädchen einen Schlauch im Bauch?" "Warum muss sie immer trinken?" Kinder sind neugierig, interessiert, aufmerksam, stellen viele Fragen, wenn ein Kind anscheinend "anders" ist. Mittlerweile weiß jedes Kind im Kindergarten, dass man an diesem Schlauch, der aus Pias Bauch kommt, nicht ziehen darf und man nicht so grob mit Pia umgehen soll und dass sie durch diesen Schlauch Essen, Trinken und Medizin bekommt. Und es scheint, als sei es für die Kinder mittlerweile das Normalste der Welt. Pia darf mitspielen, mit Pia wird gestritten, für Pia gelten die gleichen Regeln wie für alle anderen Kinder auch.
Integrative Erziehung im Ev. Kindergarten St. Trinitatis Bork, nur ein kleiner Einblick aus 9 Jahren " wohnortnaher Integration behinderter- und von Behinderung bedrohter Kinder", so nennt sich das Projekt des Diakonischen Werks in Zusammenarbeit mit evangelischen Kindertageseinrichtungen. In diesem Rahmen sind in Bork seit 1992 mittlerweile 12 Kinder mit unterschiedlichsten Behinderungsbildern, körperlichen und geistigen Einschränkungen und allgemeinen Entwicklungsverzögerungen betreut worden.
Pia ist eines von zur Zeit drei betreuten Kindern im Rahmen des Projekts. Allgemeine Entwicklungsverzögerungen mit mehr oder weniger ausgeprägten und ganz unterschiedlichen Erscheinungsbildern sind die Diagnosen. Pia leidet zudem noch unter einer massiven Essstörung, daher auch eine sogenannte PEG-Sonde.
In die Zielgruppe fallen also keineswegs nur Kinder mit augenscheinlichen körperlichen oder geistigen Behinderungen. Auch ein besonders auffälliges Verhalten welcher Art auch immer kann Ausdruck einer Entwicklungsverzögerung sein und bedarf besonderer Förderung.
Warum uns - dem Kindergarten Team - dieses Projekt so am Herzen liegt? Mit der integrativen Erziehung haben Kinder, Erzieher und Eltern die Chance, miteinander zu leben und zu spielen, sich gegenseitig mit allen Schwierigkeiten und Bedürfnissen zu akzeptieren und unbefangen ohne Vorurteile miteinander umzugehen. Wir wollen ein wechselseitiges Voneinander lernen ermöglichen und so das Spiel und das gesamte Tun aller Kinder bereichern. Die im Rahmen des Projekts betreuten Kinder sollen keine Isolation und Sonderstellung erfahren, sondern sich gemeinsam mit Kindern und Erziehern in den Räumen des Kindergartens wohl fühlen. Unser pädagogisches Konzept ermöglicht und fordert auch vom behinderten Kind, im Rahmen seiner Möglichkeiten Selbständigkeit und Eigenverantwortung zu entwickeln und es wird in seiner Entwicklung bestärkt und gefördert. Ein weiterer Schwerpunkt der integrativen Arbeit liegt in der wohnortnahen Betreuung des Kindes und seiner Familie. Der Besuch einer Tageseinrichtung vor Ort erspart der Familie weite Anfahrtswege zu Sondereinrichtungen, so dass durch die täglichen Kindergartenzeiten (7.30-12.30 und 14 -16 Uhr, bei Bedarf auch Übermittagsbetreuung) die Teilnahme am alltäglichen Familienleben leichter fällt und mehr Zeit füreinander bleibt. Das gemeinsame Erleben und Gestalten des Kindergartenalltags bringt Abwechslung für die gesamte Familie. Sie können sich aktiv einbringen und Kontakte zu anderen Familien aufnehmen. Freundschaften und soziale Kontakte können auch über die Kindergartenzeit hinaus bestehen bleiben. Integrativ arbeiten heißt für uns ganzheitliches Arbeiten mit Kind, Familie, Umwelt und Therapeuten.
Genau diese Umstände waren auch 1994 für Familie Krych entscheidend, ihren Sohn Jan-Philipp bei uns im Kindergarten anzumelden. Jan-Philipp ist sehbehindert und der Besuch in unserem integrativ arbeitenden Kindergarten sahen die Eltern als Vorbereitung auf seine integrative Beschulung vor Ort, deren Alternative nur die Sehbehinderten-Schule in Münster gewesen wäre. Nach drei Jahren Kindergartenzeit konnte Jan-Philipp mit seinen Freunden zur Grundschule "Auf den Äckern" wechseln, wo er mit Hilfe eines Zivis und einer Fachkraft der Sehbehinderten-Schule Münster zielgleich beschult wurde. In diesem Sommer wechselt Jan-Philipp, mit einem Notendurchschnitt von 2,0 zur Gesamtschule Nordkirchen, die dem Jungen ebenso den gemeinsamen Unterricht ermöglicht. Dieses positive Beispiel soll zeigen, dass sich die integrative Arbeit nicht nur auf den Kindergarten beschränkt, sondern der integrative Kindergartenbesuch den gemeinsamen Unterricht in der folgenden Schulzeit ermöglicht.
Sind Sie aufmerksam oder neugierig geworden? Haben wir Fragen in Ihnen geweckt, die dieser Artikel nicht beantwortet? Wir helfen Ihnen gerne weiter: Ev. Kindergarten St. Trinitatis, Humboldtstr. 1, 59379 Selm-Bork, Tel.: 02592/ 62827, Leitung: Frau Seldlack, Integrationsfachkraft: Frau Henseler.




