Erfahrungsberichte
Erfahrung einer Lehrperson mit einem Schüler mit Sehbehinderung (Albinismus) - Integration in Luxemburg
Quelle: Elisabeth Blum / Reding Jean-Claude
Daniel ist nicht nur gut in seiner Klasse integriert, sondern er gehörte von Anfang an dazu. Er hat einige sehr gute Freunde und ist auch bei den anderen Schülern ein gern gesehener Mitarbeiter und Spielkamerad.
Als ich im Juni 2002 erfuhr, dass Daniel sein erstes Schuljahr in einer Klasse von 25 Schülern wiederholen sollte, hatte ich schon große Bedenken. Aus Gesprächen mit seinen früheren Lehrpersonen wusste ich, dass Daniel nicht nur sehr schlecht sieht, sondern vor allem sehr schlecht spricht und von daher im Lese und Schreiblehrgang sehr schnell überfordert war. Konnte ich in einer solch großen Gruppe genügend Zeit aufbringen um ihm gezielt zu helfen seine Fähigkeiten auszubauen? Würden wir nicht ein weiteres Jahr vertun und feststellen müssen: Daniel redet wenig und unverständlich, Daniel konnte so auch nicht lesen lernen?
Hinzu kamen organisatorische Probleme: die Klasse wurde noch größer und ich sollte nun in Zusammenarbeit mit einer zweiten Lehrperson die Klasse leiten, Daniel sollte während mehreren Stunden die Klasse verlassen um von Mitarbeitern anderer Institute betreut zu werden. War das Integration?
Auch die Eltern waren besorgt, beharrten jedoch auf ihrem Standpunkt, dass Daniel, so wie seine Altersgenossen die Primärschule besuchen und nicht in eine Sonderschule abgeschoben werden sollte. Wir einigten uns darauf, die Sonderbetreuungen so unauffällig wie möglich zu gestalten. Daniel sollte die Klasse auf keinen Fall verlassen, seine Betreuer sollten als Mitarbeiter in der Klasse fungieren.
Als ich Daniel im Herbst dann besser kennen lernte, zeigte sich, dass dies der richtige Weg war. Er fühlte sich sogleich wohl in der Klasse, fand Freunde und seinen Platz in der Gruppe. Er brauchte ganz deutlich das Gefühl der Geborgenheit um sich zu öffnen und neue Schritte zu wagen. Dies zeigte sich besonders in seiner Bereitschaft am Sprachlichen teilzunehmen. Je wohler er sich fühlte, umso mehr meldete er sich zu Wort. Auffällig war auch, dass Daniel nie anders sein wollte als seine Mitschüler. Er wollte in die gleichen Hefte schreiben wie sie und nicht mehr das seinen Sehproblemen angepasste Schreibmaterial benutzen. Der Erfolg gab ihm recht. In vielen Bereichen ist Daniel so, sehr vorsichtig, aber stetig über sich selbst und seine Probleme hinausgewachsen.
Wesentlich dazu beigetragen haben die anderen Betreuer des IDV (Schulung der Sehfähigkeit) und der sprachlichen Förderung. Sie verstanden es in ihre Arbeit auch andere Schüler Miteinzubetziehen. Sie gehörten zum Lehrerteam und ihr Auftauchen in der Klasse war ganz natürlich. Daniel fühlte sich nicht aus seiner Geborgenheit gerissen und arbeitete gerne mit ihnen zusammen. Ich persönlich erlebte dies als sehr entlastend, da ich mich während diesen Stunden intensiver mit anderen Schülern beschäftigen konnte.
Wesentlich war aber auch, und das gilt, glaube ich für den schulischen Erfolg eines jeden Kindes, die positive Einstellung der Eltern und ihr Vertrauen in unsere Arbeit in der Schule.

- Daniel -
