Erfahrungsberichte
Integration im Kindergarten erleichtert Jan-Philipp das erste Schuljahr
Quelle: Die neue Lupe
Pädagogisches Konzept trägt viele Früchte.
Vor einem Jahr berichteten wir über den heute 7-jährigen Jan Philipp Krych aus Bork.
Trotz seiner 90 % igen Sehbehinderung besuchte er damals den Regelkindergarten St. Trinitatis in seinem Heimatort.
Dort arbeitet man seit 1992 integrativ. Das bedeutet, behinderte und nicht behinderte Kinder spielen zusammen und erleben den Kindergartenalltag gemeinsam. Der frühe Umgang mit behinderten Kindern wird für die anderen Kinder so schnell zur Normalität. Man unterstützt und hilft sich gegenseitig, lernt voneinander und toleriert die als selbstverständlich angesehenen Unzulänglichkeiten des anderen. Durch die Integrität in der Gruppe wird ein positiver Entwicklungsprozess bei den Kindern in Gang gesetzt . Das Projekt erweist sich als pädagogische Bereicherung, auch für die Erzieher und Erzieherinnen des Kindergartens. Hier machen Kinder wichtige Erfahrungen, die Erwachsenen oftmals fehlen und ihnen den selbstverständlichen Umgang mit Behinderten erschweren.
Jan-Philipps Eltern entschlossen sich, schon bald nach Feststellung seiner Sehbehinderung, ihren Sohn so normal wie nur möglich auf sein Leben vorzubereiten. Der Entschluss, ihn in den Borker Regelkindergarten und nicht in eine spezielle Behinderteneinrichtung gehen zu lassen, erwies sich nun als völlig richtig. Der Umgang mit den dortigen Kindern hat ihm total gut getan, seine Motorik und Eigenständigkeit gefördert sowie sein Selbstbewusstsein aufgebaut, erzählt seine Mutter uns in einem Gespräch. Noch heute ist sie den Erzieherinnen für ihr Engagement und ihre Mühe sehr dankbar, denn ohne diese Aufbauarbeit hätte Jan- Philipp sicher keinen so guten Start in sein heutiges Schulleben gehabt.
Jan-Philipp besucht heute die Borker Grundschule "Auf den Äckern" und kommt bald in die 2. Klasse. Dort hat er in Claudia Kloppenburg eine junge und sehr engagierte Klassenlehrerin gefunden. Den Schulweg legt er entweder mit einem Freund oder auch schon allein zurück. Während der Schulstunden steht ihm, neben einem speziell beleuchteten Arbeitsplatz, ein Zivildienstleistender zur Seite. In der Klasse fühlt er sich wohl und fällt dort wegen seines Handicaps nicht auf. Sieht man ihm beim Spielen zu, vermutet niemand, dass Jan-Philipp wesentlich weniger sieht als seine Mitschüler. Lesen und schreiben kann er mit entsprechenden Lesehilfen. Texte von der Tafel liest ihm der Zivildienstleistende vor. Jan-Philipp wird in der Schule zielgleich, jedoch nicht zeitgleich, unterrichtet. Manches dauert bei ihm etwas länger, da er oft durch die hohe Konzentration, die er erbringen muss, schneller ermüdet. Einmal in der Woche kommt Frau Gütebier, eine Sonderschulpädagogin der Sehbehindertenschule aus Münster, in den gemeinsamen Unterricht. Sie betreut Jan-Philipp und gibt der Klassenlehrerin gern angenommene Tipps und Hinweise. Die dadurch entstehenden Kosten werden vom Schulamt und Sozialamt getragen.
Der an der Schule " Auf den Äckern" in Bork erstmals stattfindende Versuch behinderte und nichtbehinderte Schüler in einer Klasse zu unterrichten, hat in dem vergangenen Jahr gezeigt, dass dieser Weg für alle Beteiligten gut und sinnvoll ist.
Die Mutter von Jan-Philipp möchte allen Eltern behinderter Kinder Mut machen, den Weg der " normalen " Schulausbildung zu überdenken. Sicher eignet sich diese Schulform nicht für alle Kinder, der Grad der Behinderung muss individuell berücksichtigt werden, doch sollte zumindest mit den zuständigen Stellen diskutiert werden, ob es in dem speziellen Fall möglich wäre, eine "normale" Schule zu besuchen.
Durch den Besuch der Borker Schule ist Jan-Philipp die lange Fahrt zu einer speziellen Schule nach Münster erspart geblieben. Die vorab erfolgte Integration und Frühförderung im St. Trinitatis Kindergarten hat sich als großes Glück erwiesen und in seinem Fall das Feld bereitet, auf dem die Ernte der Früchte nun offensichtlich ist. Jan-Philipp ist ein guter Schüler, hat in der Borker Grundschule viele Freunde gefunden und fühlt sich dort sehr wohl.
Ansonsten führt er das aufregende Leben eines ganz normalen 7-jährigen. In Watte gepackt wird er weder von seinen Eltern noch von seinen Freunden. Seine Eltern hoffen, dass sich auch nach der Grundschule eine Möglichkeit des integrativen Schulunterrichtes in der Nähe findet und so auch in Zukunft seine Chance auf ein weiteres "normales" Leben bekommt. Wir wünschen es ihm alle.
