Erfahrungsberichte
Gemeinsam leben - gemeinsam spielen
Quelle: Die neue Lupe
5 Jahre Integration im Ev. Kindergarten St. Trinitatis in Bork
Der 6-jährige Jan-Philipp Krych hat eine 90 %-ige Sehbehinderung und besucht seit 1994 trotzdem den Regelkindergarten St. Trinitatis in Bork. Dort arbeitet man seit 1992 integrativ, das heißt, behinderte und nicht behinderte Kinder spielen zusammen und erleben den Kindergartenalltag. Bisher wurden schon 7 Kinder mit Behinderungen dort aufgenommen. Diese 5 Jahre Erfahrung mit Integration sind ein Grund für das Borker Kindergartenteam ein Fazit zu ziehen. Der frühe und alltägliche Umgang mit behinderten Kindern ist für die "anderen" Kinder schnell zur Normalität geworden. Die Unzulänglichkeiten des anderen werden als selbstverständlich hingenommen, man unterstützt und hilft sich gegenseitig, lernt voneinander und toleriert einander. Durch diese Art der Akzeptanz wurde ein positiver Entwicklungsprozess der behinderten Kinder beschleunigt und sie versuchten, entsprechend ihrer Fähigkeiten, mit dem Entwicklungstempo der anderen Kinder mitzuhalten. Dieses Projekt sehen die Erzieherinnen und Erzieher des Borker Kindergartens als eine Bereicherung ihrer pädagogischen Arbeit an.
Für die Mehrarbeit in der Borker Einrichtung wurde eine Zusatzkraft eingestellt und speziell für Jan-Philipp kommt regelmäßig eine Therapeutin der Sehbehindertenschule aus Münster hinzu.
Der Grundgedanke für die gemeinsame Erziehung liegt in den speziellen Entwicklungsanreizen, die nur Kinder an Kinder weitergeben können. Dies sind wichtige Erfahrungen, die vielen Erwachsenen fehlen und ihnen deshalb auch den Umgang mit Behinderten so schwer machen.
Jan-Philipp ist nach Aussagen der Eltern, Erzieher und Therapeuten ein gutes Beispiel für die Richtigkeit dieser Art der gemeinsamen Erziehung. Seine Eltern hatten sich schon früh, nachdem die Sehbehinderung festgestellt wurde, für eine "normale" Laufbahn ihres Sohnes entschieden. Daher fiel es ihnen auch nicht schwer, ihn im Borker Kindergarten anzumelden. Diesen Entschluss haben sie nicht bereut, denn das pädagogische Konzept der offenen Arbeit trug zu einer positiven Entwicklung Jan-Philipp's bei.
Hier können die Kinder in der Freispielzeit am Vormittag in den sehr unterschiedlich eingerichteten Gruppenräumen (Funktionsräume), ohne viele Vorgaben kreativ und selbständig spielen. Während dieser Zeit haben sie die Möglichkeit ihren Spielort und Spielpartner frei zu wählen. Die daraus resultierenden Beobachtungen und Ergebnisse werden von den Erziehern und Erzieherinnen zusammengetragen und entwicklungsfördernd, in Form von angeleiteten Aktivitäten, an die Kinder weitergegeben.
"In einem Sonderkindergarten wäre er bestimmt nur "betudelt" worden und vieles hätte man ihm abgenommen. Das gemeinsame Frühstücken in der Cafeteria und die hieraus resultierenden Aufgaben, wie z.B. Brote schmieren, Getränke eingießen und abräumen hat er in Bork wie selbstverständlich erlernen können. "Der Umgang mit den "normalen" Kindern hat ihm total gut getan und seine Eigenständigkeit und Selbstsicherheit gefördert," berichtet die Mutter Elisabeth Krych gegenüber unserer Zeitung ganz begeistert. Das regelmäßige Wiederholen dieser feinmotorischen Abläufe ist für einen sehbehinderten Menschen wie Jan-Philipp sehr wichtig. Das besonders gestaltete Außengelände mit seinen Sinnes- und Tastwegen und den anderen vielfältigen und unterschiedlichen Spielmöglichkeiten konnte ihn darüber hinaus spielerisch animieren, auch diesen Bereich zu entdecken. Aber nicht nur für Jan-Philipp, sondern auch für seine Eltern waren diese 3 Jahre eine Bereicherung: "Ich bedanke mich ganz herzlich bei allen Erziehern und Erzieherinnen für diese wunderschöne Zeit", so Elisabeth Krych. Sie und ihr Mann haben durch die vielen Aktivitäten (Bastelkreis, Theater AG) im Kindergarten eine Menge neuer Erfahrungen und netter Bekanntschaften gemacht. Die Zusammenarbeit mit der Fachtherapeutin Frau Gütebier, von der Sehbehindertenschule aus Münster, verlief ebenfalls zufriedenstellend. Diese Schule wäre übrigens die nächstgelegene Facheinrichtung für Jan-Philipp gewesen. Viele Eltern in vergleichbaren Umständen müssen ihre Kinder oft kilometerweit in eine solche Sondereinrichtung täglich bringen lassen. Für die Familie Krych und auch nach Meinung der Therapeutin wäre es am besten, wenn Jan-Philipp in diesem Sommer, nach Verlassen des Kindergartens, die Grundschule in Bork besuchen könnte. Ein entsprechender Antrag ist gestellt und wird bei der zuständigen Behörde diskutiert, da eine spezielle Klassenzimmerbeleuchtung und andere Maßnahmen unerlässlich wären.
Durch die guten Erfahrungen mit Eltern, Erziehern und Kindern des St. Trinitatis Kindergartens, fühlt sich die Familie Krych bewogen, allen ähnlich betroffenen Eltern Mut zuzusprechen, auch diesen Weg einzuschlagen. Bleibt zu hoffen, dass Jan-Philipp seine Chance für eine "normale" Zukunft bekommt.
