Erfahrungsberichte
Ein Integrationshelfer berichtet - Schulbegleitung mit Jan-Philipp
Quelle: Jens Hörsken
Jan Philipp ist 12 Jahre jung und besucht die 6. Klasse der Johann-Conrad-Schlaun Gesamtschule in Nordkirchen (NRW). Jan-Philipp ist zu 90% sehbehindert.
Jeden Morgen fahre ich, der "Zivi", mit Jan-Philipp mit dem Bus von Bork nach Nordkirchen zur Schule. Jan-Philipp benötigt mich während der Busfahrt nicht als Begleitperson. Ich steige 2 Haltestellen später dazu.
Der Unterricht beginnt um 7:45 Uhr. Bevor der Lehrer kommt, holt Jan-Philipp sein Etui, Stifte, WP Heft, Hausaufgaben. heraus, und ich mache mir erst einen Überblick über die zu bewältigenden (Haus-)Aufgaben. Die erste Stunde ist, wie an jedem Tag, die AST Stunde. Hier erledige ich mit ihm Wochenplan und Hausaufgaben. Da einer seiner Lieblingsfächer Mathe ist, beginnen wir immer damit. Wenn er Aufgaben aus dem Buch bearbeiten soll, schreibe ich diese Aufgaben in der Regel in sein Hausaufgaben- oder Wochenplanheft ab. Alle rechnerischen Aufgaben aus dem Buch sind so klein geschrieben, dass er sie nicht ohne weiteres lesen kann. Auch mit der Visolettlupe sind diese Aufgaben nicht bzw. selten zu lesen. Daher schreibe ich diese Aufgaben in großer Druckschrift mit einem Füller oder schwarzen Filzstift in sein Heft. Jetzt kann er diese Aufgaben mit der Lupe erfassen und berechen. Er schreibt dann einfach die weitere Rechnung bis zur Lösung in sein Heft ohne Lupe. Wenn er allerdings das Geschriebene lesen möchte, nimmt er wieder die Lupe zur Hilfe. Mit dieser Methode ist er fast genau so schnell fertig, wie die anderen Kinder. Sollten Wochenplanaufgaben anstehen, dann liegen diese in Mathematik meistens in einer DIN-A4 Ausführung vor. Diese Arbeitsblätter vergrößere ich dann mit Hilfe eines Kopierers auf mindestens DIN-A3 oder größer. Diese Aufgaben sind dann mit der Lupe lesbar. Dazu muss aber die Vorlage in einem guten Zustand und die Buchstaben und Zahlen gut lesbar sein. Besonders der Kontrast von weiß und schwarz muss zur Geltung kommen. Mit diesem Arbeitsblatt kann er dann auch völlig alleine arbeiten, wie er es z.B. in Mathe Klassenarbeiten machen muss. Schwieriger wird es allerdings, wenn zeichnerische Aufgaben mit Zirkel und Bleistift anstehen. Hier muss man Jan-Philipp beim Radius einstellen oder beim Zirkel millimetergenau ansetzen, helfen.
Wenn eine Arbeit ansteht, bekommen wir beide einen Einzelraum. Hier ist es ruhig und er kann sich auf seine Aufgaben konzentrieren und wird nicht durch Lärm der Mitschüler abgelenkt. Zudem hat er in Arbeiten, da er im gemeinsamen Unterricht mit sonderpädagogischen Förderbedarf beschult wird, einen Anspruch auf einen Nachteilsausgleich (50% mehr Zeit). Die Arbeit könnte er mit Lupe und dem vergrößerten DIN-A3 Blatt selbstständig lösen, allerdings schreibe ich ihm die Aufgaben in sein Arbeitsheft, denn durch das Abschreiben verliert er nur Zeit, denn die 50% mehr Zeit braucht er. Alleine das Hinschreiben von Zahlen und Buchstaben dauert schon etwas länger.
Als nächstes steht ein weiteres "Lieblingsfach" auf dem Stundenplan: Englisch. Hier arbeiten wir mit einem Din-A5 Buch. Das bedeutet, dass die Texte sehr klein geschrieben sind. Selbst mit Lupe kann er die Texte nur schwer (mit)lesen, wenn andere diese der Klasse vorlesen. Deshalb muss ich mich vorher informieren, welche Kapitel und Themen in den nächsten Tagen behandelt werden. In einer freien Stunde oder Pause, kopiere ich diese Texte aus den Buch auf Din-A3, so verliert er keine Zeit, wenn es heißt: "Please, open your book at page .". Nun kann er mit Lupe und Vergrößerung dem Unterricht folgen. Problematisch wird es dann erst wieder, wenn er selber der Klasse einen (englischen) Text vorlesen muss. Jan-Philipp verfügt nicht über räumliches Sehen. Er kann also nicht mit einem Blick Satzteile herausfiltern, somit ist kein flüssiges Lesen möglich. Dies führt zu Problemen bei Komma oder Punktsetzung, welche auch mal übersehen werden. Oft merkt er es aber auch selber und liest den Abschnitt noch mal. Eine weitere Schwierigkeit beim Lesen ist, dass die Aussprache im Englischen anders ist und wenn er einen Ausdruck nicht in der Gesamtheit erfassen kann, spricht er diesen mal falsch aus. Allgemein ist es ein Problem bei Texten, dass ab und zu Buchstaben übersehen werden oder verwechselt werden, z.B.: bei ihm, ihn / seiner, seines. Häufig diktiert der Lehrer im Englischunterricht auch Sätze und Aufgaben, damit die Aussprache verinnerlicht wird. Hier muss sich Jan-Philipp besonders konzentrieren um mitzukommen. Bei wichtigen Sätzen, Regeln oder dergleichen, diktiert der Lehrer langsam, damit Jan-Philipp mitkommt, da er langsamer schreibt als seine Klassenkameraden. Bei Aufgaben versucht er erst selber mitzukommen. Irgendwann ist dann die Differenz des Diktierens und Mitschreibens zu groß, so dass er nicht mitkommt. Ab hier diktiere ich ihm den Text weiter oder wenn er durch das viele Schreiben ausgepowert ist, dann schreibe ich für ihn mit. Hierbei muss ich am besten in großer sauber Druckschrift schreiben, damit er dies am einfachsten lesen kann, (hoffe das war meistens der Fall). Bei Wiederholungsaufgaben sagt der Lehrer auch, dass Jan-Philipp nur bis zu diesem Punkt mitkommen muss, und dann schon mal mit der Lösung der Aufgabe beginnt. Neue Grammatikthemen schreibt der Lehrer an die Tafel. Damit Jan-Philipp diese alleine lesen kann, muss der Lehrer groß, in Druckschrift und am besten nicht mit weiß schreiben. Denn vom Wischen der Tafel sind überall weiße Stellen, und es ist sehr schwer für Jan-Philipp zu erkennen, ob dies evtl. Buchstaben sein könnten. Aber oftmals benutzen wir für diese Aufgaben Jan-Philipps eigenen Computer in der Klasse. Er hat einen großen 21 Zoll Bildschirm und ein Lesegerät mit Tafelkamera. Für solche Tafelbilder dient die schwenkbare Kamera, mit der sich Jan-Philipp das Tafelbild auf dem Bildschirm anzeigen und heranzoomen lassen kann. Nun kann er den Text vom Bildschirm in Ruhe abschreiben. Sollte es zügig weitergehen, übernehme ich auch diese Aufgabe.
Jan Philipp sitzt ganz vorne in der Klasse. Am Anfang saß er direkt 3m vor der Tafel am Einzelplatz. Auf Wunsch sitzt er jetzt aber mit anderen Kindern am Gruppentisch, woran er viel Spaß hat, natürlich immer noch ganz vorne mit Blick auf die Tafel. Am seinem Tisch hat er für die dunklen Wintermonate eine extra Leselampe, die den Kontrast der Buchstaben verstärkt und seine Augen nicht so strapaziert, denn jedes Lesen bedeutet Anstrengung.
Ein weiteres Hauptfach ist Deutsch. Hier wird fast immer mit zu vergrößernden Arbeitsblättern gearbeitet. Daher verbringt Jan-Philipp oft die Deutschstunde am PC. Die Kamera kann nicht nur Tafelbilder vergrößern und heranzoomen, sondern kann dies auch mit Texten, Arbeitsblättern und Büchern machen, welchen dann groß auf dem Bildschirm landen. Da im Deutschunterricht viel geschrieben wird, erledigt Jan-Philipp dies häufig am PC. Auf seiner Tastatur sind die Buchstaben entsprechend groß aufgeduckt. Aufgaben und Arbeitsblätter bearbeitet er hier am PC. Lösungen tippt er am PC ab. Aber auch hier braucht er noch etwas Zeit. Sollte er hier nicht weiterkommen, tippe ich für ihn mit. Besonders in Deutsch hilft ihm der PC, denn, wenn er etwas falsch macht, kann er einfach seinen Text löschen und korrigieren. Im Heft muss er erst suchen, wo er etwas geschrieben hat und dann muss er dies verbessern. Hier verliert man schon mal den Überblick. Außerdem kann man einfach am PC die Texte vergrößern bzw. einen höheren Schriftgrad einstellen, meistens 24 in "Word". In Deutsch werden des öfteren auch Folien am Projektor bearbeitet. Aber obwohl Jan-Philipp ganz vorne sitzt, sind diese kaum zu erkennen, da einfach der Kontrast fehlt. Hierzu benutzt er auch die Kamera am PC und lässt sich das Bild am Rechner darstellen. Man kann hier auch den Kontrast verstärken und andere Einstellungen vornehmen, wie z.B. die Schrift- und Hintergrundfarbe. Klassenarbeiten in Deutsch schreibt Jan-Philipp auch mal im Klassenraum, mit den anderen, am PC. Hier wird oft viel geschrieben (Gedichte, Nacherzählungen.). Diese tippt er dann auf dem PC ab. Das ist einfacher, als den Text mit Hand zu schreiben. Bei langen Nacherzählungen darf er mir auch den Text diktieren und ich tippe den Text für Jan-Philipp ab, wobei ich diesen so hinschreiben muss, wie er ihn mir diktiert, auch wenn Fehler dabei sind. Lektüren, die in Deutsch bearbeitet werden, liest er auch am Bildschirm. Solche Texte bereitet und liest er aber auch schon am Abend mit seiner Mutter vor, um den Unterricht besser zu Folgen.
Viel Spaß bereitet ihm das Fach GL. Hier müssen die Schüler des öfteren in Gruppenarbeit selbstständig Themen und Sachgebiete erörtern und diese in einer Collage oder Mappe zusammentragen. Hier ist Jan-Philipp oft einer der Gruppenleiter und gibt an, welche Themen bearbeitet werden. Die Gruppenarbeit und das Erstellen der Mappe anhand von Bildern und Texten macht ihm viel Spaß, so dass er aktiv und voller Tatendrang versucht ein gutes Ergebnis abzuliefern. Die Informationen besorgt er sich aus Büchern, Internet etc. und formuliert mit diesen Medien seine eigenen Texte, die er auch am PC bearbeitet oder mir diktiert.
Am Montag, Mittwoch und Donnerstag haben die Schüler eine große Mittagspause. Hier geht Jan-Philipp alleine zum Essen und auch alleine mit Freunden auf den Pausenhof. Er ist in seiner Freizeit normalerweise nicht auf meine Hilfe angewiesen. Mit zunehmendem Alter besitzt er auch immer mehr Erfahrung um mit "Hindernissen" beim Spielen klar zu kommen. Er spielt mit seinen Freunden Fußball, Handball und macht fast alles, was Jungs in seinem Alter machen. Ab und zu bringt er sogar sein Skateboard mit. Das erste Mal, als er dies mit hatte, habe ich schon Panik bekommen. Aber er fährt genau so gut damit, wie die anderen und versucht auch Tricks vorzuführen. Man kann hierbei fast keine Benachteiligung ausmachen.
So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Sport eines seiner Lieblingsfächer ist, und er hier mit zu den Besten gehört. Er versucht alle Übungen mit zu machen und so gut wie es geht zu erledigen. Probleme treten hier nur in Verbindung mit Gummiseilen oder (Tisch-) Tennisbällen auf. Fußball spielen, rennen, laufen, springen, etc. macht er alles mit. Er kann ziemlich präzise den Ball annehmen und schießen oder den Handball fangen, er spielt sogar in einem Handballverein und macht Ju-Jutsu. Die einzigen Probleme die im Sportunterricht auftreten können, sind z.B.: wenn ein Ball geflogen kommt und er und andere diesen erreichen wollen, kann er sich meistens nur auf den Gegner oder den Ball konzentrieren, was der Gegner dann leider unbeabsichtigt zu spüren bekommt. Es viel ihm auch nicht schwer sich als AG Schwimmen auszusuchen. Er trägt hierbei eine Brille, genau wie im Sportunterricht, und schwimmt mit den anderen um die Wette. Sportliche Aktivitäten kann er selbstständig ausführen.
Nachmittags finden meistens die Fächer Biologie und Chemie statt. Hierfür wechseln wir die Klasse, da oft praxisnahe Versuche durchgeführt werden, dass heißt: es stehen kein PC und keine Kamera zur Verfügung. Jan-Philipp sitzt hier meistens in Nähe des Fensters und der Tafel. Zum Abmalen der Tafelbilder geht Jan-Philipp oft nach vorne an die Tafel und malt direkt 2m vor der Tafel ab. Bei Texten versuche ich, sie ihm zu diktieren. Aber sollten diese Fächer in die 7. und 8. Stunde fallen, ist er auch oft durch Medikamente (Antiepileptikum) müde und die Motivation ist weg. Dann übernehme ich auch schon mal das Abschreiben der Texte. Bei ungefährlichen Lehrerversuchen darf er ganz nach vorne um sich den Versuch aus der Nähe anzusehen, worum ihn die anderen Schüler auch mal beneiden. Allerdings muss er dann auch des öfteren die Beobachtung beschreiben. Alle Schülerversuche macht Jan-Philipp mit. Bei gefährlichen Versuchen, z.B.: mit Feuer oder Gas, achte ich dann im Hintergrund darauf, dass nichts passiert, da z.B.: eine rauschende Flamme nur sehr schwer zu erkennen ist.
Ein anderes Fach, indem Jan-Philipp fast ohne meine Hilfe klar kommt, ist Kunst. Wenn eine mündliche Aufgabe ansteht, kann er einfach mit seinen Materialen loslegen; vorgegebene Aufgaben vergrößere ich oder erkläre sie ihm in etwas abgewandelter Form, so dass diese auch für ihn lösbar sind.
So in etwa sieht ein normaler Schulalltag für Jan-Philipp und seinem Zivi aus.
