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Erfahrungsberichte

Der schwierige Weg zur Erzählerin

Quelle: Jörg Schwinn
Echo-Online - vom: 23.04.2003)

Integration: Die stark sehbehinderte Christina Holschuh-Hotz besucht im vierten Jahr die Grundschule in Unter-Sensbach

UNTER-SENSBACH. Montagmorgen, 7.45 Uhr, Grundschule Sensbachtal: Diensteifrig stehen die beiden Viertklässlerinnen neben dem Glockenseil bereit. Schulleiterin Helga Wagner-Neu gibt das Kommando, und mit sichtlicher Begeisterung ziehen die Mädchen an dem Strick. Zehnmal, wie an jedem Tag der Schulwoche, läutet die Glocke auf dem 1883 gebauten Backsteingebäude in Unter-Sensbach. Für den Moment erinnert die Szenerie eindeutig an die oft zitierte gute alte Zeit.

Natürlich ist das nicht mehr als ein Klischee, das weder dem Ort noch den Beteiligten gerecht wird: Im Unterrichtsraum der vierten Klasse steht für jeden Schüler ein Computer - wenn auch nicht topmodern. Gelernt wird längst nicht mehr nach starrer Stundenvorgabe, sondern nach flexiblem Wochenplan. Und die elfjährige Christina Holschuh-Hotz hätte früher die Dorfschule wohl überhaupt nicht besuchen können: Das zierliche Mädchen verfügt nur über etwa drei Prozent Sehkraft und kann nur dank ihres im Klassenraum installierten Lesegeräts am Unterricht teilnehmen.

Ihre acht Mitschüler lernen seit der ersten Klasse gemeinsam mit Christina und gehen mit ihrer Behinderung selbstverständlich um - ganz so, wie es das Schulprogramm beim Thema Integration als Ziel vorsieht. "Wir haben den Kindern auch mal die Augen verbunden oder dunkle Brillen aufgesetzt, damit sie erleben, wie es Christina geht", blickt Helga Wagner-Neu zurück. Sie lässt an diesem Morgen die Fabel von Adler und Sperling mit verteilten Rollen lesen - und während die übrigen Viertklässler die Bücher vor sich auf den Tisch legen, dreht sich Christina zu ihrem Lesegerät um. Aslihan Batu, die zurzeit ein freiwilliges soziales Jahr absolviert und das Mädchen während der Schulstunden betreut, reicht ihr das Buch, dessen Schrift stark vergrößert auf einen Monitor projiziert wird. So kann die Elfjährige die Buchstaben lesen und die Rolle der Erzählerin übernehmen - was große Konzentration erfordert, denn sie sieht immer nur einen kleinen Ausschnitt des Textes vor sich. Es ist anstrengend, doch Christina bekommt es hin, notfalls auch mit ein wenig Unterstützung ihrer Betreuerin. So wie sie bisher alle Hürden ihrer Schulzeit überwunden hat: "Wir haben damals den Atem angehalten, ob sie schreiben lernt", erinnert sich Helga Wagner-Neu - die Schülerin hat es geschafft und nennt heute Deutsch sogar als Lieblingsfach: "Sie hat eben einen starken Willen und möchte mitkommen", zollt ihr die Direktorin Respekt.

Natürlich hat die gelungene Integration auch von der Schule einige Anstrengung gefordert. Da ist nicht nur das Lesegerät, mit dem Christina dank einer eingebauten Kamera auch Tafelbilder betrachten kann. Oft waren es kleine, aber entscheidende Details, die das Fortkommen der Schülerin im Unterricht erst möglich machten - in Mathematik etwa Aufgabenblätter mit übergroßen Karos. Auch jenseits des Lehrstoffs ist Improvisieren gefragt. Beispiel Fahrradprüfung: Die Viertklässler bereiten sich zurzeit auf die Teilnahme am Straßenverkehr vor, was Christina verwehrt bleiben wird. Doch sie darf wenigstens beim Üben mit ihrem Dreirad im Verkehrsgarten mitradeln.

Sind die Lehrkräfte trotz allen Engagements einmal mit ihrem Latein am Ende, holen sie sich Rat bei einer Sehbehinderten-Schule in Frankfurt. Und in Unter-Sensbach arbeitet außerdem Sonderpädagogin Heike Kiefer an 13 Stunden pro Woche mit. Sie kümmert sich nicht nur, aber vor allem um Christina, deren Motorik auch intensiv geschult werden muss. Integration, so Heike Kiefer, ist immer auch ein Spagat, schließlich wird Christina "lernzielgleich unterrichtet". Und da kommt es darauf an, dass der Unterricht weder zu langsam noch zu schnell läuft. Einerseits soll die Klasse nicht beim Lernen gebremst werden; andererseits gilt es, Frust bei der Elfjährigen zu verhindern. Bis jetzt hat das gut geklappt, und so ist Christina vor dem Ende des Schuljahrs schon etwas bange. Denn mit den großen Ferien ist die Grundschulzeit vorbei, dann wird sie ihre derzeitigen Mitschüler nur noch in der Freizeit treffen. Die meisten wechseln an die Oberzentschule nach Beerfelden, die angesichts der deutlich größeren Klassen für das sehbehinderte Mädchen weniger geeignet ist. Christina wird entweder an ein Internat nach Friedberg oder eine spezielle Schule nach Neckargemünd wechseln - um das auszubauen, was ihr in Unter-Sensbach mit auf den Weg gegeben wurde.

Insgesamt 57 Schüler mit Hör-, Seh- oder körperlichen Behinderungen besuchen derzeit Regelschulen im Odenwaldkreis - vornehmlich Grundschulen, berichtet Direktorin Sonja Thormälen vom Erbacher Schulamt. Wesentliches Ziel der integrativen Maßnahmen: wohnortnaher Unterricht für die betroffenen Kinder.

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